Sonntag, 23. September 2007

Wetter aktuell

Ein Wirbelsturm über dem Mittelmeer?

In den letzten drei Tagen hat sich über dem westlichen Mittelmeer ein nicht ganz alltägliches Wetterphänomen entwickelt. Ein stationäres Tiefdruckgebiet (Höhentief) über der Iberischen Halbinsel hat die Bildung zahlreicher Gewitterzellen ausgelöst, die sich dann zu einer wirbelsturmähnlichen Struktur zusammengefunden haben, die zumindestens äußerlich an einen Hurrikan erinnert. Sogar ein Auge konnte sich anscheinend, wenn auch nur vorrübergehend in der Mitte des Wirbels herausbilden.

Der Verlauf des Wetterphänomens...
21.September 2007
Im Bereich des Höhentiefs über der Iberischen Halbinsel haben sich um 03:00 Uhr UTC schon zahlreiche Gewitterzellen gebildet und zusammengeschlossen.

Auf der eingefärbten Infrarotaufnahme von 03:00 Uhr UTC sind dynamische Hoch- und Tiefdruckgebiete in der Westwindzone und darüber hinaus auch stationäre Tiefdruckgebiete ( Höhentiefs) über der Iberischen Halbinsel und westlich davon über dem Atlantik zu sehen. Die Höhenströmungen sind am Verlauf der eingezeichneten Isobaren (hellblaue Linien) erkennbar, die Orte mit dem gleichen Luftdruck untereinander verbinden.

Die Äquatorregion wird durch die Sonne sehr stark erwärmt, die Polarregionen bekommen dagegen nur wenig Wärme ab. Am Nordpol bildet sich deshalb bodennah ein Kältehoch und in der Höhe ein Höhentief. Am Äquator entsteht durch aufsteigende Warmluft am Boden ein Wärmetief und in der Höhe ein Höhenhoch. Es resultiert eine starke Höhenströmung tropischer Warmluft (rot) vom Höhenhoch in Richtung Höhentief, die aber durch die Erdrotation (Corioliskraft) ostwärts abgelenkt wird (Westwindzone, Jetstream) und sich bis zum Boden durchsetzt. In Bodennähe entwickelt sich eine Strömung polarer Kaltluft (blau) vom Kältehoch am Nordpol in Richtung Süden, die ebenfalls von der Erdrotation abgelenkt wird. Warm- und Kaltluft treffen an der sogenannten Polarfront zusammen, da sie aber aneinander vorbeiströmen, kann keine Durchmischung stattfinden. Der Temperaturgegensatz der beiden Luftmassen wird so immer größer, und der Jetstream beginnt zu schwingen (Rossby-Wellen). Die Höhenströmung wird turbulent, wodurch sich Wirbel bilden können, die dynamischen Hoch- und Tiefdruckgebiete, die für eine Durchmischung und damit für einen Temperaturausgleich zwischen Warm- und Kaltluft sorgen.

Zur Bildung eines stationärenTiefdruckgebietes kommt es immer dann, wenn die Rossby-Wellen in der Westwindzone immer stärker werden, so daß die Höhenströmung immer langsamer wird bis sie dann ganz und gar zusammenbricht. Dynamische Tiefdruckgebiete in der Westwindzone werden dadurch "eingefroren" und bewegen sich nicht mehr weiter. Polwärts bildet sich eine neue Westwindzone mit zunächst nur relativ schwachen Rossby-Wellen und demzufolge hoher Strömungsgeschwindigkeit. Dort entstehen dann aber schnell wieder neue dynamische Hoch-und Tiefdruckgebiete. Das "eingefrorene", stationäre Tiefdruckgebiet in der alten Westwindzone ist dann ein Bereich kalter Luft, der von der wärmeren Umgebungsluft völlig eingeschlossen ist (Kaltlufttropfen). Als Höhentief kann es dann durchaus einige Tage oder sogar Wochen überleben. Es saugt es von unten Luft an, so daß bei ausreichender Luftfeuchtigkeit Quellwolken entstehen (Cumulus- und Cumulunimbuswolken), was wiederum länger anhaltendes Schlechtwetter mit Starkregen und Gewittern bedeuten kann.
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Um 12:00 Uhr UTC haben sich die Gewitterzellen zu einer wirbeksturmartigen Struktur organisiert, die in der Mitte sogar so etwas wie ein Auge aufweist.


Auf der Infrarotaufnahme ist die Wirbelstruktur mit dem Auge
ganz besonders gut zu erkennen.
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22.September 2007
Die Struktur hat sich ein wenig nach Osten verlagert. Das über der Meeresoberfläche verdunstende Wasser wirkt als "Treibstoff" für die Wolkenbildung, so daß sich nun besonders mächtige Gewitterzellen bilden können.


Aufnahmen der Struktur im sichtbaren Licht...


....und im infraroten Licht um 09:00 UTC
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23. September 2007
Die Wolkenbildung ist deutlich zurückgegangen. Da das Wasser (bisher) nicht warm genug ist reicht das Temperaturgefälle zwischen den wassernahen, unteren Luftschichten hin zu den höheren Luftschichten im Bereich des Kaltlufttropfens für die Entstehung eines voll entwickelten Wirbelsturms einfach (noch) nicht aus.



Aufnahmen im sichtbaren (oberes Bild) und im infraroten Licht
(unteres Bild). Auf der Infrarotaufnahme ist der Wirbel und
auch ein Auge wieder gut zu erkennen.
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Einige Meteorologen, die sich mit den Folgen des Klimawandels beschäftigen, befürchten, daß schon bald als Folge der globalen Erwärmung echte Wirbelstürme (Hurrikane) über dem Mittelmeer vorkommen könnten http://www.sueddeutsche.de/wissen/artikel/675/125487/).

Jens Christian Heuer

1 Kommentar:

klaus-eckart puls hat gesagt…

Mit der globalen Erwärmung steigt auch die Oberflächentemperatur der Meere, auch die des Mittelmeeres. So kann es nicht überraschen, daß zunehmend (?) wirbelsturm-ähnliche Phänomene oder sogar "kleinere Hurrikane" über dem Mittelmeer entdeckt wurden, z.B.:
14.01.1995
süd-östliches Mittelmeer, Merkmale der Kat.1: Wolkenwirbel-Struktur, Kerndruck 988 hPa,
mittl. Windgeschwindigkeit 140 km/h (Böen 170 km/h):
http://www.versnetzb.de/Homepage/archiv/061117%20rauch%202.pdf
04.08.1998
http://imkhp2.physik.uni-karlsruhe.de/~muehr/Sat/satsp19.htm
26. September 2006
Der "mediterrane Hurrikan" trat vor der Südküste Italiens auf.
http://www.sueddeutsche.de/wissen/artikel/675/125487/
Klaus-Eckart Puls, 26.09.07

 
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